Abreisetag.
Erlaube mir, lieber Leser, kurz vom Urlaubsbericht abzuschweifen und über Warteschlangentheorie zu reden. Nehmen wir an, wir haben auf der einen Seite eine gewisse Anzahl Kunden, die bedient werden wollen (z.B. Leute an der Supermarktkassa oder Reisende beim Einchecken am Flughafen) und auf der anderen Seite eine gewisse Anzahl Bediener, sich um diese Kunden kümmern können (z.B. die Supermarkt-Kassiererinnen oder die Check-In-Schalter).
Nun gibt es prinzipiell zwei weit verbreitete Systeme, die ich II-System und Y-System nennen möchte: Beim II-System bildet sich vor jedem der Bediener eine eigene Warteschlange. Beim Y-System bildet sich nur eine Schlange. Sobald ein Bediener frei wird, geht der nächste Kunde zu diesem.
Die Schlange im Y-System mag vielleicht auf den ersten Blick länger wirken als die mehreren kurzen im II-System, aber sobald man ein wenig darüber nachdenkt, stellt man fest, dass der Durchsatz (die Anzahl bedienter Kunden pro Zeiteinheit) genau gleich ist, das Y-System darüber hinaus aber eine Reihe offensichtlicher sozialer Vorteile hat (kein Anstellen an der “falschen” Schlange; kein “Überholen” durch Schlangenwechsel; kein “Wettlauf”, wenn eine neue Kassa geöffnet wird; etc.). All das trägt sehr zur Stressvermeidung bei.
Warum erzähle ich das? Wir sind zu früh am Flughafen, geben unseren “Ferrari” zurück und sehen, dass Schalter 30-31 für den Check-In nach Wien zuständig sind. Das Bodenpersonal ist noch nicht da, und etwas wunderbares geschieht: Die Wartenden, eine inhomogene und unkoordinierte Masse von Leuten, machen etwas kluges! Es bildet sich nämlich eine Schlange (nur eine, zwischen Schaltern 30-31, was, wie oben angeführt, dem Y-System entspricht und daher eine gute Idee ist). Weiters stellen die Leute ihre Koffer in die Schlange und setzen sich auf die wenige Meter entfernten Sessel. Eine weitere gute Idee: Stehen ist mühsam, und mit dem Koffer markiert man den Platz. Ein wunderbares Beispiel dafür, wozu eine Menschenmasse fähig ist, wenn die Leute mitdenken.
Und dann kommt eine Air-Berlin-Mitarbeiterin und macht alles kaputt.
“Bilden Sie bitte zwei Schlangen”, ruft sie. Die Leute springen auf, der “Wettlauf um die besten Plätze in der zweiten Schlange” beginnt. Die schöne, geordnete Reihe wird zu einem Durcheinander. Die Mitarbeiterin lächelt zufrieden und macht freundliche Bemerkungen. Schalter 30 und 31 werden vom Bodenpersonal besetzt. Ich muss wohl nicht erwähnen, was passierte, als plötzliche jemand zu Schalter 32 schreitet und das Display oben einschaltet. Verwirrung, manche stürmen nach vorne, es bildet sich eine dritte Schlange. Die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Wird am Display das Wort “Wien” erscheinen? Oder haben sie gerade ihren guten Platz in den Schlangen 30 und 31 aufgegeben, um einem Gespenst nachzujagen? Bange Minuten des Wartens, dann Entwarnung: Auch Schalter 32 dient dem Check-In nach Wien. Auch die anderen Displays gehen an, am Schalter 30 mit dem Text “only Baggage Drop-Off”. Nun macht sich leichte Verunsicherung in der dortigen Schlange breit…
Das es anders auch geht, sehen wir später im Abflugbereich. Der dortige Imbiss macht es klüger und hat folgendes Schild aufgestellt:

Mit Verspätung fliegen wir ab, in Wien begrüßt uns der Schnee. Wir sind zurück!